Archive for the ‘Grundeinkommen’ Category

Gedanken zum Grundeinkommen

November 6, 2010

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens – meiner Meinung nach vor ein paar Jahren noch eine eher unbekannte Idee ein paar weniger Visionäre – ist zur Zeit in aller Munde. Sogar die Herren von der CDU legen ein Modell vor, auch wenn sie ihr Grundeinkommen nicht Grundeinkommen sondern Bürgergeld nennen. Und Götz Werner, der große deutsche Unternehmer, zieht durch die Lande und wirbt in vollen Sälen für die Idee.
Ich möchte an dieser Stelle kurz auf ein Buch hinweisen, welches für jeden und jede, der oder die sich mit dem Grundeinkommen beschäftigt, äußerst aufschlussreich ist und sehr übersichtlich die vielen verschiedenen Modelle, die von unterschiedlichen Gruppen entwickelt wurden, miteinander vergleicht:

Robert Blaschke, Adeline Otto, Norbert Schepers (Hrsg.): Grundeinkommen. Geschichte – Modelle – Debatten. Karl Dietz Verlag, Berlin 2010.

Die wichtigste Erkenntnis beim Lesen dieses Buches war für mich, dass die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen eng mit der Debatte um die Gemeingüter, und zwar materielle wie auch kulturelle Gemeingüter, verknüpft werden sollte. Diese Verknüpfung ist notwendig, damit die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen nicht durch die Hintertür wieder eingeschränkt werden. Denn wenn z.B. die Bildung nicht kostenfrei ist, wäre ich trotz Grundeinkommen gezwungen zu arbeiten, wenn ich studieren möchte; wenn die öffentlichen Schulen heruntergewirschaftet werden, muss ich meine Kinder auf Privatschulen schicken, was ich mir mit einem Grundeinkommen wahrscheinlich nicht leisten könnte, usw… In manchen Modellen – wie z.B. beim Althaus-Modell oder beim Modell von Götz Werner, die ich im Unterschied zu solidarischen Grundeinkommensmodellen als neoliberale Grundeinkommensmodelle bezeichnen würde – wird diese Verknüpfung nicht vorgenommen. Das ist kein Zufall und auch kein blinder Fleck dieser Modelle, sondern ist schlicht in ihnen nicht vorgesehen, da es in diesen Modellen nicht um eine Umverteilung von oben nach unten geht.
Diese Leute tragen natürlich viel zur Diskussion um das Grundeinkommen bei. Das sehe ich als ihren großen Verdienst. Denn schon allein die Idee, dass Menschen (also Menschen, die keine reichen Erben sind) Geld auf ihre Konten bekommen könnten, ohne dass sie etwas dafür gearbeitet haben, ist ja schon irgendwie verdammt revolutionär in einem Land, in dem die Armen nicht nur immer ärmer werden, sondern zusätzlich auch noch pausenlos in die Schmarotzerecke gestellt werden. Werner, Althaus & Co. machen die Idee des Grundeinkommens nun in Kreisen salonfähig, in denen die Idee früher wahrscheinlich als totale Spinnerei abgetan worden wäre. So weit so gut.

Man muss nun trotzdem fragen: Was genau will welches Grundeinkommensmodell?

  • Jedes Modell sollte m.E. daran gemessen werden, inwieweit mit dem Modell eine Umverteilung von oben nach unten angestrebt wird. Wie bereits erwähnt weisen nicht alle Modelle diesen Grundgedanken auf. Bei Werner z.B. würden die Spitzenverdiener nach der Einführung des Grundeinkommens besser dastehen also zuvor, die Schere zwischen Arm und Reich ginge bei ihm noch weiter auf. Bei Althaus wird mit dem sogenannten Bürgergeld eine Kopfpauschale eingeführt, welche das Solidarsystem im Gesundheitswesen aushebelt, wo eben nicht jeder und jede die gleiche Summe in die Krankenkasse einzahlt, sondern dies nach dem Einkommen ausgerichtet ist.
  • Jedes Modell sollte außerdem daran gemessen werden, ob es für die Schwächsten unserer Gesellschaft tatsächlich Verbesserungen brächte oder sogar mit Verschlechterungen einhergehen könnte. (Wenn das Grundeinkommen z.B. so niedrig angesetzt ist, dass es unter der Summe liegt, die ein HartzIV-Empfänger incl. Mietanteil und Krankenkassenanteil im Moment noch bekommt.)
  • Jedes Modell sollte daran gemessen werden, wer überhaupt zur Bezugsgruppe des Grundeinkommens dazugehört. Modelle, welche die Gruppe der AsylbewerberInnen ausklammern oder gar nicht erwähnen, sind kritisch zu hinterfragen.
  • Jedes Modell sollte daran gemessen werden, welche Haltung es zu Gemeingütern und zum Mindesteinkommen einnimmt.
  • Jedes Modell sollte außerdem daran gemessen werden, mit welcherart Steuer es finanziert werden soll. Eine Finanzierung über die Mehrwertsteuer, wie es von Götz Werner gefordert wird, halte ich für äußerst fragwürdig. Es sei denn, es gäbe für unterschiedliche Produkte unterschiedliche Steuersätze, was in seinem Modell – soviel ich weiß – noch nicht angedacht ist. (Also z.B. für Brot, Milch, Bücher, Internet-Anschluss etc. weniger Mehrwertsteuer als für Hotelübernachtungen, Yachten, Handys…)

Also: Es ist nicht überall ein echtes Grundeinkommen drin, wo eben mal jemand Grundeinkommen draufgeschrieben hat.

In gewisser Weise revolutionär zu nennen sind m. E. nur jene Modelle in denen der Zwang zur Arbeit wirklich wegfällt. Wenn der Zwang im Falle einer Arbeitslosigkeit bei Penny Regale einräumen zu müssen, egal was und wie lange ich studiert habe oder was für tolle Fähigkeiten ich auf anderen Wegen erworben habe (oder noch erwerben könnte), wegfäll  kann ich mir gemütlich (Betonung auf gemütlich, denn nur dann kann ich auch phantasievoll sein) überlegen, was ich persönlich eigentlich so beizutragen hätte…schließlich ist es ja nicht so, dass es nichts zu tun gäbe…

Modelle, die laut dem oben erwähnten Buch tatsächlich als bedingungsloses Grundeinkommen bezeichnet werden können sind folgende:

Ein weiterer interessanter Ansatz sind die Eckpunkte zum bedingungslosen Grundeinkommen von Attac, allerdings handelt es sich noch um kein vollständiges Konzept. (Link zur AG Genug für Alle)

Bedingungloses Grundeinkommen oder: wider den Arbeitszwang für höheres Kapitalvermögen

Oktober 31, 2010

Immer wieder werden Ideen zum bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) grundsätzlich mit Neoliberalismus in Verbindung gebracht und damit eine vehemente Ablehnung begründet. Als „neoliberal“ verstehe ich Auffassungen, die ein möglichst geringes Heranziehen von privatem Kapital und privaten Unternehmen zur Finanzierung von gemeinschaftlichen oder solidarischen Sicherungszielen vertreten. Damit könne sich dann wirtschaftliches Leben und in der Folge ein für alle erhöhter Wohlstand besser entfalten. Mit teilweise ähnlichen klingenden Freiheitsbegriffen werden auch Grundsicherungs-Modelle begründet, nur andersherum: einen gewissen Grund-Wohlstand schaffen, aufgrund dessen soziales Leben und wirtschaftliche Unternehmung stattfinden kann.

„Neoliberalismus“ verfolgt als Form des Kapitalismus das Ziel einer Vermehrung von privaten Kapital. Und privates Kapital ist ja nur dann nützlich, wenn Leute bereit sind, dafür zu arbeiten. Denn was nützt mir aller Reichtum, wenn ich mir dafür keine Dienste und Waren kaufen kann? Arbeit und Waren von anderen zu erwerben ist einfacher, wenn jene Anderen zum Anbieten ihrer Arbeitskraft, Waren oder Rohstoffe gezwungen sind, um selbst grundlegend auszukommen. Dieser Zwang ist eine wesentliche Bedingung, damit die Kaufkraft und die Bedeutung des Kapitals erhalten bleibt. Oder anders gesagt: Der Wegfall des Arbeitszwangs zum eigenen Auskommen bewirkt eine Reduzierung des Kapitalvermögens, also dessen, was Kapital zu kommandieren vermag.

Arbeit selbst können wir natürlich nicht gänzlich abschaffen: Putzen, Kinder aufziehen, Lebens- und Wohnmittel beschaffen, herstellen etc. sind nur schwerlich zu automatisieren. Hier geht es um eine Verteilung und eine Bezahlung, die von allen Beteiligten immer wieder als gerecht angesehen wird und ausgehandelt werden kann. Auch international. Fragen der politischen Partizipation und privater Kooperation.

Was ich jedenfalls an vielen Initiativen des bedingungslosen Grundeinkommens schätze, ist der Versuch, die soziale Grundsicherung vom wahnwitzigen Zwang zur Erwerbsarbeit zu lösen. Ich glaube, das wäre ein empfindlicher Schock, der neue Energien und Prozesse in Gang setzt. Dass aber die grundsätzliche Idee einer Befreiung vom Zwang zur Erwerbsarbeit „neoliberales Gedankengut“ sei, kann ich nicht erkennen. Ich sehe es eher als Gift für die Politik einer uneingeschränkten Verfügbarkeit menschlicher Arbeit für Kapitalvermögen an. Und ich wette einiges, dass bei einer sich abzeichnenden Realisierung eines BGE vehement die Kommunismuskeule bzw. eine Abart des Westerwelle-Spruchs vom „anstrengungslosen Wohlstand“ rausgeholt wird.

Grundeinkommen: Sinn als Methode

Oktober 30, 2010

Der Spiegelfechter bezeichnet das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) als Wahnsinn mit Methode. Er bezieht sich vor allem auf das gestern vorgestellte Althaus Modell, macht aber immer wieder Ausflüge in generelle Behauptungen, ebenso wie die meisten Kommentierenden.

Mich überzeugen bisher sämtliche BGE Gegenargumente in der Folge des obigen Blogbeitrags nicht: Ein paar große summarische Euro-Zahlen in den Raum zu stellen, ein paar Zusammenhänge zu behaupten (teilweise implizit), und dann zu folgern „es geht einfach nicht“ … das reicht mir nicht. Auch dann nicht, wenn andere zustimmen mit „Habe ich ja schon immer gesagt“. Auf teilweise „esoterische“ Begründungen für das BGE abzuheben und es damit zu diskreditieren, ist ein alter CDU-Trick: greif dir eine Teilgruppe, stelle sie an den Pranger um die gesamte Bewegung zu diskreditieren. Selbst wenn 7 von 8 Leuten esoterisch argumentierten, koennte der achte trotzdem interessante Ansichten und Argumente äußern.

Aber mal Geld und Esoterik außen vor: hatten wir in den letzten zweihundert Jahren eine Produktivitätssteigerung in Agrar- und anderen Bereichen eines Faktors 20 oder nicht? Sprich: wo vorher hundert leute arbeiten mussten, arbeiten jetzt 5 oder weniger und ne Menge Maschinen, die abgabenfrei arbeiten.

Wieviele Leute arbeiten heute tatsächlich für die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse? Wieviel Overheads leisten wir uns da, d.h. Bereiche, die sich der reinen Verwaltung (der Verwaltung der Verwaltung …) widmen? Diese Zahlen wären eine interessante Grundlage, um die Machbarkeit eines BGE zu diskuteren.

Die grundlegende Frage, die das BGE aufwirft, ist aus meiner Sicht: Können und wollen wir uns eine Gesellschaftsorganisation vorstellen und halten wir sie für wünschenswert, bei der wir unseren gemeinsam erwirtschafteten technischen Fortschritt und die entstandenen Güter der letzten Jahrhunderte nutzen, um uns gegenseitig zu versichern, die Grundbedürfnisse zu erfüllen? Und uns als Gesellschaft langsam dahin zu bewegen, dass jeder sich seiner Verantwortung stellen kann, selbstverantwortlich zu handeln und nicht einfach mit „ich muss ja, sonst krieg ich keine Kohle“ mitschwimmen und sich rausreden kann?

Ich sage: ja, wir koennen einen solchen neuen Gesellschaftsvertrag denken und umsetzen und ich moechte das auch. Und ich bin ausserdem überzeugt, dass sich auch Schritte zu einem solchen Modell ausgehend von den derzeitig realen Verhaeltnissen finden lassen.

Ich bestreite nicht, dass es eine „arbeitsethische“ Frage gibt: wenn in einer BGE gesicherten Gesellschaft nicht genügend Menschen sich bewegen wollen, weil sie nicht motiviert sind, kommt es dann nicht zum Stillstand und Zusammenbruch? Arbeitsethos braucht es also irgendwie. Das sagt auch der internationale Begründer des „basic income“, Philippe van Parijs. Andererseits sehe ich auch, dass sehr viele meiner Freunde und Kolleginnen arbeiten _wollen_, etwas sinnvolles tun wollen, und so ist es bei mir selbst auch. Ich betrachte es trotzdem erst mal noch als eine offene Frage und als einen berechtigten Einwand.

Das mit dem „es geht geldtechnisch nicht“ sehe ich aber als einen Abwehrversuch, sich mit den tatsächlich dahinterliegenden Fragen zu beschäftigen, selbst wenn sie utopisch klingen. Utopien sind nichts an sich böses und haben die Menschheit öfters vorangebracht 🙂

Neues Miteinander statt goldene Kalbstänze

September 22, 2009

Was mich an Linken, Grünen, FDP und SPD stört … selbst wenn ich den Bereich Internet- und Überwachungs-Politik mal ganz aussenvor lasse?

Es ist der Tanz um das goldene Kalb, die ARBEIT.

Die Grünen: "Jobs, Jobs, Jobs".

FDP: "Arbeit muss sich wieder lohnen"

Die SPD 1994: "Arbeit, Arbeit, Arbeit".

Oder die Linke heute: "Arbeitsplätze statt Kriegseinsätze".

Ca. 20 Jahre meines Lebens höre ich nun dieses Reden von ARBEIT und Arbeitsplätzen. Dabei ist historisch gesehen kaum noch menschliche Arbeit nötig, um unsere Grundbedürnisse zu erfüllen. Zudem ermöglichen soziale Techniken und Kommunikationsnetze völlig neue Formen des Miteinanders.

Nicht zuletzt: Das Geldsystem selbst – die Grundlage des bisherigen Arbeits- und Unternehmenssystem wankt. Mir geht es dabei nicht um irgendeine Apokalypse. Sondern darum, dass von der Linken, den Grünen, FDP und SPD bisher nix neues kommt zum Thema gesellschaftliche Organisation, trotz offenkundiger Krisen. Keine Utopie, keine Vision.

Wie es Götz Werner im hörenswerten Podcast zum Bedingunglosen Grundeinkommen ausdrückt: Wir sind umgeben von Realitäten, die mal Utopien waren. Flugzeuge, ICEs, automatisierte Landwirtschaft, Windräder, Computer und Netze mit denen wir uns augenblicklich weltweit mit Freunden verbinden koennen, ohne Aufwand Photos und Musik austauschen … das waren alles jeweils Utopien bevor sie dann ganz „normale“ Realität wurden.

Nicht Staatssozialismus oder obrigkeitsstaatliches „wir-sagen-was-gut-ist-für-euch“ Regieren ist gefragt, sondern neue partizipative Ansätze und neue Kooperationen, die Stück für Stück etwas ändern. Utopien sind auch erlaubt. Ich sehe zum Beispiel die freie Softwarebewegung als eine solchen neuen Ansatz, dem es gelungen ist, Technologie auf höchstem Niveau für die Allgemeinheit frei verfügbar und veränderbar zu machen. 1985 war das noch Utopie. Auch Wikipedia, Youtube, Twitter sind Beispiele für neue Ansätze des Miteinanders, des Teilens von Wissen und Kultur.

Von solchen Überlegungen höre ich aber von den obigen Parteien kaum etwas. Vor allem aber tanzen alle Parteien endlos um die traditionellen Arbeitsformen, um Arbeitszwänge und versuchen aus Existenzängsten Profit zu schlagen. Arbeitsplätze sind keine Resource und sie wachsen auch nicht an Bäumen, sondern sie sind Ergebnis unserer gesellschaftlichen Organisation und unseres Wirtschaftssystems und unserer Ideale. Und dabei gilt: Je weniger menchliche Arbeit gebraucht wird, umso besser! Wenn wir auch nur halb so entwickelt und zivilisiert sind, wie wir uns als westliche Gesellschaft gerne betrachten, dann können wir auch eine bedingslose Grundsicherung organisieren.