Grundeinkommen: Sinn als Methode

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Der Spiegelfechter bezeichnet das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) als Wahnsinn mit Methode. Er bezieht sich vor allem auf das gestern vorgestellte Althaus Modell, macht aber immer wieder Ausflüge in generelle Behauptungen, ebenso wie die meisten Kommentierenden.

Mich überzeugen bisher sämtliche BGE Gegenargumente in der Folge des obigen Blogbeitrags nicht: Ein paar große summarische Euro-Zahlen in den Raum zu stellen, ein paar Zusammenhänge zu behaupten (teilweise implizit), und dann zu folgern „es geht einfach nicht“ … das reicht mir nicht. Auch dann nicht, wenn andere zustimmen mit „Habe ich ja schon immer gesagt“. Auf teilweise „esoterische“ Begründungen für das BGE abzuheben und es damit zu diskreditieren, ist ein alter CDU-Trick: greif dir eine Teilgruppe, stelle sie an den Pranger um die gesamte Bewegung zu diskreditieren. Selbst wenn 7 von 8 Leuten esoterisch argumentierten, koennte der achte trotzdem interessante Ansichten und Argumente äußern.

Aber mal Geld und Esoterik außen vor: hatten wir in den letzten zweihundert Jahren eine Produktivitätssteigerung in Agrar- und anderen Bereichen eines Faktors 20 oder nicht? Sprich: wo vorher hundert leute arbeiten mussten, arbeiten jetzt 5 oder weniger und ne Menge Maschinen, die abgabenfrei arbeiten.

Wieviele Leute arbeiten heute tatsächlich für die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse? Wieviel Overheads leisten wir uns da, d.h. Bereiche, die sich der reinen Verwaltung (der Verwaltung der Verwaltung …) widmen? Diese Zahlen wären eine interessante Grundlage, um die Machbarkeit eines BGE zu diskuteren.

Die grundlegende Frage, die das BGE aufwirft, ist aus meiner Sicht: Können und wollen wir uns eine Gesellschaftsorganisation vorstellen und halten wir sie für wünschenswert, bei der wir unseren gemeinsam erwirtschafteten technischen Fortschritt und die entstandenen Güter der letzten Jahrhunderte nutzen, um uns gegenseitig zu versichern, die Grundbedürfnisse zu erfüllen? Und uns als Gesellschaft langsam dahin zu bewegen, dass jeder sich seiner Verantwortung stellen kann, selbstverantwortlich zu handeln und nicht einfach mit „ich muss ja, sonst krieg ich keine Kohle“ mitschwimmen und sich rausreden kann?

Ich sage: ja, wir koennen einen solchen neuen Gesellschaftsvertrag denken und umsetzen und ich moechte das auch. Und ich bin ausserdem überzeugt, dass sich auch Schritte zu einem solchen Modell ausgehend von den derzeitig realen Verhaeltnissen finden lassen.

Ich bestreite nicht, dass es eine „arbeitsethische“ Frage gibt: wenn in einer BGE gesicherten Gesellschaft nicht genügend Menschen sich bewegen wollen, weil sie nicht motiviert sind, kommt es dann nicht zum Stillstand und Zusammenbruch? Arbeitsethos braucht es also irgendwie. Das sagt auch der internationale Begründer des „basic income“, Philippe van Parijs. Andererseits sehe ich auch, dass sehr viele meiner Freunde und Kolleginnen arbeiten _wollen_, etwas sinnvolles tun wollen, und so ist es bei mir selbst auch. Ich betrachte es trotzdem erst mal noch als eine offene Frage und als einen berechtigten Einwand.

Das mit dem „es geht geldtechnisch nicht“ sehe ich aber als einen Abwehrversuch, sich mit den tatsächlich dahinterliegenden Fragen zu beschäftigen, selbst wenn sie utopisch klingen. Utopien sind nichts an sich böses und haben die Menschheit öfters vorangebracht 🙂

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4 Antworten to “Grundeinkommen: Sinn als Methode”

  1. gedanken Says:

    Ich denke, man könnte viele der unangenehmeren Sachen automatisieren. Das Fraunhoferinstitut und die verschiedenen Robotik-Institute hätten da sicher was in petto. Bis in die 80er war Deutschland ja führend, was Automatisierung angeht. Leider inzwischen von der Diskussion über Arbeitsplätze überlagert. Andere verantwortungsvolle Arbeit wie Ärzte und Krankenschwestern/pfleger, Polizei, etc. müssten wesentlich besser bezahlt werden. Ansonsten empfäne ich es als Vorteil, dass die Leute, die etwas tun (und irgendwetwas tut, kann, will jeder), dies aus Leidenschaft tun, oder zumindest auch aus Leidenschaft, und nicht lustlos mit erzwungenem Lächeln und verschleppter Erkältung an der Supermarktkasse sitzen (deren Automatisierung als Konzept längst existiert). Es gibt übrigens interessanterweise in der Zen-Philosophie die Vorstellung, in der Ausführung einfacher Tätigkeiten wie Blätterharken oder Gartenpflege völlig aufzugehen – als hohe Form der Meditation. Guten Handwerkern, denen ihre Arbeit Spaß macht, geht es manchmal ähnlich. Auch kultur und Wissenschaft sind Bereiche, in denen man völlig aufgehen kann, nicht wie ein Sachbearbeiter, der um 5 das Büro zuschließt und nach Hause geht. Vieles, was jetzt unter „Hobby“ läuft, Kultur, soziale Tätigkeiten, Bildung, Sport, stellt ja auch oft wertvolle Arbeit dar. Wieviele Leute klagen, wegen zuviel Arbeit keine Zeit oder Interesse für Engagement oder Weiterbildung zu haben.

    • holger krekel Says:

      Deinen Überlegungen und Ansichten stimme ich größtenteils zu. Ich freue mich auch, wenn z.B. ein Schaffner guter Laune durch den Zug geht 🙂 Letztlich geht es wohl erst mal darum, uns zunächst als Menschen gegenseitig wahrzunehmen, und nicht nur als Funktionserbringer. Und von wegen Automatisierung: wir haben ja schon unglaublich viel automatisiert! Dass wir z.B. jetzt gerade so locker flockig diskutieren, in einen kleinen Dialog treten können, wäre ja wohl vor noch 50 Jahren die totale Utopie gewesen 🙂

  2. gedanken Says:

    Das ist wahr. Beim Schaffner ist es nett, bei der überarbeiten Krankenschwester oder beim Polizisten mit x Überstunden kann es schon ernstere Folgen haben. Aber die Frage ist, ob sich Automatisierung heute rechnet. Die Maschinenstürmer zertrümmerten mal Maschinen, weil die ihnen Arbeit und Lohn wegnahmen. Für Unternehmer wiederum lohnten sich Maschinen, wenn sie weniger menschliches Personal brauchten. Heute wird aber mit dem Arbeit-für-alle-Arbeitsplatzargument Arbeit subventioniert, über Kombilöhne, künstliche Niedrighaltung, schwache oder korrupte Wirtschaftsversteher-Gewerkschaften, usw. Da lohnt sich Automatisierung irgendwann gar nicht mehr, und ob heute noch viel vom Forschungshaushalt in Automatisierungstechnik gesteckt wird? Müsste man recherchieren. Vollbeschäftigung und Automatisierung widersprechen sich jedenfalls. Und momentan ist Vollbeschäftigung vorrangiges Ziel der Politik – vielleicht aus Angst vor den Konsequenzen umfassender Automatisierung.

  3. holger krekel Says:

    Es ist schon ein Wahnwitz: ich selbst freue mich, wenn ich Arbeit vermeiden kann und wenn ich anderen Arbeit ersparen kann, bzw. weniger Arbeit für ein bestimmtes gemeinsames Ziel nötig ist. Und wir hören aber allerorten, dass „Arbeitsplätze erhalten“ oder gar geschaffen werden sollen, und müssen, und sich diesem Ziel alles unterzuordnen hat. Als wenn das irgendwie ein Wert an sich wäre.

    Wobei ich erst einmal Reproduktionsarbeiten als weniger automatisierbar ansehe und diese vielleicht daher als die die letztliche und eigentliche Arbeit verbleiben. Es gibt sicherlich Grenzen der Automatisierung aber in jedem Fall sehe ich es so, dass eine wichtige Frage ist, wie wir die bisherigen „Automatisierungsgewinne“ gerecht verteilen.

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